Schafft PowerPoint ab!

Der Traumberuf eines meiner Freunde ist: Karikaturist am Radio. Noch überlege er, sagt der Spaßvogel, ob er farbig oder schwarzweiß zeichnen würde. Bis auf weiteres zählt es freilich zu den Vorzügen des Radios, dass dort Journalisten, Moderatoren und Sprecher sprechen, die keiner anderen Bilder bedürfen als der Sprachbilder.

Radiomacher verlassen sich nicht nur notgedrungen, sondern auch aus überzeugung auf die Kraft des Wortes. Das unterscheidet sie von fast allen anderen Zeitgenossen, die – sobald sie sich an ein Publikum wenden – den Drang haben, das Gesagte zu bebildern, das Gesprochene zu “visualisieren”. Doch der Todfeind aller Vorträge und sonstigen Reden ist: PowerPoint. Dieses Programm von Microsoft ist genau besehen kein Programm, sondern ein Virus, der die ganze Gesellschaft befallen und verdummt hat.

Früher hatten wir die Wandtafel. Aufwändig war es, die mit brüchiger Kreide zu beschriften. Deshalb kam nur das Wesentliche auf die schwarze Tafel: in der Form rudimentär, aber inhaltlich auf den Punkt gebracht. PowerPoint jedoch bringt nicht mehr auf den Punkt. Die wirren, unausgegorenen oder banalen Gedanken von Angebern begegnen uns in aller Pracht – bunt, blendend und blöd. Je mehr Kästchen und Pfeile auf einem Schaubild, desto verdächtiger. Oft hat der Redner einfach alles aufgeführt, was ihm in den Sinn kam, und dann alles vernetzt bzw. “verpfeilt”, was zu verpfeilen war. Daraus entstehen die schönsten Schemata, die nichts besagen. Oder doch: Sie besagen, dass der Redner Eindruck machen will, indem er mit formaler Perfektion seine gedankliche Unordnung an die Wand projiziert. Das PowerPoint-Programm bietet ihm ja tausend Muster und Gliederungen, die er nur noch anklicken und ausfüllen muss – eine Einladung zum Ungefähren und Oberflächlichen. Wie schön, dass das beim Radio nicht klappt!

Wir alle sind von PowerPoint-Rednern geschädigt, und längst wissen wir: Das Ganze nützt absolut nichts. Nach dem Vortrag verschwinden die Schaubilder auf Nimmerwiedersehen, sie werden nie mehr benutzt. Zudem fördert PowerPoint das Denken in geschlossenen Denksystemen, die Borniertheit wird programmiert. Es kostet nämlich Stunden oder Tage vor dem Laptop, bis eine Präsentation steht. Doch während der Präsentation kann der Redner nichts ändern, umbauen, ergänzen, eintragen. In einem verdunkelten Raum, ohne Blick nach draußen, diskutiert man über formal Unveränderliches; kein neuer Gedanke kann in die Schemata einbezogen, das Schema selbst nicht umgestellt werden. PowerPoint ist diktatorisch. Nur wer sich davon befreit, kann kreativ werden.

Trotzdem ist diese schreckliche Software unsere ständige Begleiterin. Fast niemand mehr spricht frei in unserem “visuellen Zeitalter”. Immer muss etwas an die Wand projiziert werden, selbst wenn es unleserlich, irrelevant, überflüssig oder störend ist und obendrein den Augen weh tut. überdies kehrt mancher Redner seinem Publikum den Rücken zu, weil er auf seine Schaubilder und Pfeildiagramme starrt. Zwischen den Pfeilen finden sich runde Felder, in die ein paar Worte eingetragen werden; das sind, wie bei den Comics, die so genannten “Blasen”. Wie verräterisch ist dieses Wort. Höchste Zeit, dass nach der Börsenblase und der New-Economy-Blase nun auch die PowerPoint-Blase platzt. Doch hat meines Wissens nur eine Institution PowerPoint von vornherein verboten: das Radio. Und wenn schon. Der Karikaturist am Radio ist mir immer noch lieber als jeder PowerPoint-Redner.

aus: Roger Weck, DeutschlandRadio – Programmheft, März 2004, S. 14

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